Osiris, Isis und Horus: der Mythos und seine Quellen

Die bekannteste Erzählung Ägyptens ist auf Ägyptisch nirgends vollständig aufgeschrieben. Zusammenhängend erzählt hat sie erst ein Grieche, mehr als zweitausend Jahre später.

Bemalte Grabkammerwand aus Deir el-Medina mit Osiris-Darstellung

Osiris wird von seinem Bruder Seth getötet, Isis sucht und findet den Leichnam, empfängt von ihm ein Kind, verbirgt Horus in den Sümpfen des Deltas, und der erwachsene Horus streitet mit Seth um das Erbe. So steht es in jedem Überblickswerk. Interessant wird es, wenn man fragt, woher diese zusammenhängende Handlung eigentlich stammt.

Die ägyptischen Quellen erzählen nicht

Die ältesten Belege sind die Pyramidentexte des Alten Reiches, ab etwa 2350 v. Chr. an den Wänden von Königsgrabkammern. Sie sind Ritualtexte, keine Erzählungen. Der Mythos erscheint dort in Anspielungen: Formeln, die dem toten König versichern, ihm werde geschehen wie Osiris; Klagen von Isis und Nephthys; Hinweise auf die Zerstückelung, ohne dass der Vorgang berichtet würde. Wer die Geschichte nicht schon kennt, kann sie aus den Pyramidentexten nicht rekonstruieren.

Ähnlich verhält es sich mit späteren ägyptischen Zeugnissen. Der Große Osirishymnus auf einer Stele im Louvre setzt die Handlung voraus. Der Papyrus Chester Beatty I aus dem Neuen Reich erzählt ausführlich, aber nur eine Episode: den Streit zwischen Horus und Seth vor dem Göttergericht, und das mit erstaunlich derbem Humor. Die Götter tagen achtzig Jahre lang, es wird intrigiert, betrogen und gestritten; von feierlicher Theologie ist wenig zu spüren.

Plutarch

Die geschlossene Fassung, die wir heute nacherzählen, stammt aus De Iside et Osiride des griechischen Autors Plutarch, geschrieben um 120 n. Chr. Plutarch war Priester in Delphi, kannte Ägypten aus Reisen und Lektüre und schrieb für ein griechisches Publikum. Vieles bei ihm hat ägyptische Entsprechungen. Anderes hat er geordnet, gedeutet und um Motive ergänzt, die eher zur griechischen Erzähltradition gehören — die berühmte Truhe, in die Seth den Bruder lockt, und die Fahrt des Sarges nach Byblos gehören dazu.

Das macht Plutarch nicht wertlos. Es heißt nur, dass eine Nacherzählung, die sich an ihn hält, eine römerzeitliche griechische Deutung wiedergibt und nicht den Stand des Alten Reiches. Seriöse Darstellungen sagen dazu, welche Fassung sie benutzen.

Vitrine mit mehreren Wedjat-Augen-Amuletten aus Fayence
Wedjat-Amulette: das Auge des Horus, das im Streit mit Seth verletzt und wiederhergestellt wurde.

Warum der Mythos politisch war

Der Streit zwischen Horus und Seth endet damit, dass Horus das Amt seines Vaters erhält. Genau daran hängt die ägyptische Königsideologie: Der lebende König ist Horus, der verstorbene König ist Osiris. Jeder Thronwechsel wiederholt den Ausgang des Prozesses. Das erklärt, warum die Erzählung über Jahrtausende relevant blieb und warum sie in Ritualen und nicht in Romanen überliefert ist — sie hatte eine Funktion.

Zwei Bildzeichen tragen diesen Zusammenhang bis in den Alltag. Der Djed-Pfeiler, gedeutet als Rückgrat des Osiris, steht für Dauer und wurde in Ritualen feierlich aufgerichtet. Das Wedjat-Auge geht auf die Verletzung und Heilung des Horusauges zurück und war das verbreitetste Amulett Ägyptens überhaupt — Museumsvitrinen sind voll davon.

Abydos

Als Grab des Osiris galt seit dem Mittleren Reich ein Ort bei Abydos. Dort fanden jährlich Prozessionen statt, bei denen Teile des Mythos szenisch begangen wurden. Wer es sich leisten konnte, ließ in Abydos eine Gedenkstele aufstellen, um dauerhaft in der Nähe des Geschehens präsent zu sein. Die Stelenfelder von Abydos sind eine der wichtigsten Quellen für Namen und Titel von Privatpersonen — ein Nebeneffekt religiöser Praxis, von dem die Forschung bis heute lebt.

Wie man Darstellungen prüft

Bei diesem Stoff lohnt eine einfache Kontrollfrage: Welche Quelle steht hinter der Aussage, und aus welcher Zeit stammt sie? Wenn ein Text die Zahl der Leichenteile nennt, den Wortlaut eines Dialogs zitiert oder Isis Gefühle zuschreibt, stammt das fast immer aus Plutarch oder aus der Fantasie des Nacherzählers. Ägyptische Quellen sind an solchen Stellen meist knapp, formelhaft und deutlich weniger romanhaft, als man erwartet.

Quellen und Literatur

  • Jan Assmann: Ägypten. Eine Sinngeschichte, München 1996.
  • Plutarch: Über Isis und Osiris, hrsg. und übersetzt von Theodor Hopfner, Prag 1940 (Nachdruck Darmstadt 1967).
  • Papyrus Chester Beatty I, Chester Beatty Library Dublin — „Der Streit zwischen Horus und Seth“.
  • Abbildungen: Grab des Sennedjem (TT1), Deir el-Medina, und Wedjat-Amulette, Wikimedia Commons.