Re und die zwölf Stunden der Nacht
Der Sonnenuntergang war für die Ägypter kein Ende, sondern der Beginn einer Reise mit festem Fahrplan. Amduat und Pfortenbuch schildern sie Stunde für Stunde.
Die ägyptische Vorstellung vom Sonnenlauf ist eine der wenigen, die sich in einem Satz zusammenfassen lassen und trotzdem nicht banal werden: Die Sonne fährt tagsüber über den Himmel und nachts durch die Unterwelt, und beides ist dieselbe Fahrt. Was am Abend im Westen verschwindet, erscheint am Morgen im Osten — nicht weil es zurückkehrt, sondern weil es sich in der Nacht erneuert hat.
Drei Namen für einen Tag
Der Sonnengott heißt je nach Tageszeit anders. Am Morgen ist er Chepri, dargestellt als Skarabäus — der Käfer, der seine Kugel vor sich herschiebt, lieferte das Bild für die aufgehende Sonne. Mittags ist er Re, falkenköpfig mit Sonnenscheibe. Abends ist er Atum, oft als alter Mann gezeichnet. Das sind keine drei Götter, sondern drei Zustände. Wer ägyptische Texte liest, stolpert regelmäßig über solche Wechsel; sie sind Absicht und kein Überlieferungsfehler.
Gefahren wird in Barken. Die Tagesbarke heißt Mandjet, die Nachtbarke Mesektet. An Bord ist der Gott nicht allein: eine Mannschaft begleitet ihn, darunter Seth am Bug, dessen Aufgabe die Abwehr ist.
Die Duat ist kein Straflager
Der Bereich, den die Sonne nachts durchquert, heißt Duat. Die Übersetzung „Unterwelt“ führt in die Irre, weil sie christliche Assoziationen mitbringt. Die Duat ist ein Landstrich mit Regionen, Toren, Wächtern und Bewohnern — teils gefährlich, teils schlicht verwaltet. Dort halten sich die Verstorbenen auf, und dort liegt zugleich der Ort, an dem sich die Sonne regeneriert.
Zwei große Kompositionen beschreiben diese Fahrt im Detail. Das Amduat — wörtlich „das, was in der Duat ist“ — gliedert die Nacht in zwölf Stunden und bildet jede als eigenes Register ab, mit Namenslisten der dort anwesenden Wesen. Das Pfortenbuch erzählt dieselbe Reise, legt den Schwerpunkt aber auf die Tore zwischen den Stunden, jedes von Schlangen bewacht, jedes mit einem Losungswort zu passieren. Beide Texte stehen an den Wänden der Königsgräber im Tal der Könige. Sie waren nicht für Leser gedacht, sondern für den Toten, der die Fahrt mitmachen sollte.
Die sechste Stunde
In der Mitte der Nacht geschieht das, worauf die ganze Komposition zuläuft. Der Ba des Re — sein bewegliches, seelisches Element — vereinigt sich mit dem Leichnam des Osiris. Für einen Augenblick sind der Gott der Bewegung und der Gott des Stillstands dasselbe. Aus dieser Vereinigung geht die Erneuerung hervor; erst danach kann die Fahrt zum Morgen führen.
Bildlich erscheint diese Einheit oft als widderköpfige Gestalt in einem Schrein, mit der Beischrift, dies sei „Re, der in Osiris ruht“ und zugleich „Osiris, der in Re ruht“. Die ägyptische Theologie arbeitet hier nicht mit Definitionen, sondern mit Überlagerung: Zwei Prinzipien werden nicht gleichgesetzt, sondern für einen Moment ineinandergeschoben.
Apophis
Die Fahrt ist bedroht. In der siebten Stunde stellt sich Apophis in den Weg, eine riesige Schlange, die das Wasser des Flusses verschluckt und die Barke zum Stehen bringen will. Apophis ist kein Gegengott mit eigenem Kult, sondern das Prinzip des Nichtseins: das, was der geordneten Welt zuwiderläuft. Er wird in jeder Nacht besiegt und ist in der nächsten Nacht wieder da. Vernichtet wird er nie endgültig, und genau das ist der Punkt — Ordnung ist in dieser Weltsicht kein Zustand, sondern eine tägliche Leistung.
Was man daraus lernen kann
Wer die Gräber im Tal der Könige besucht, sieht diese Texte an den Wänden und hält sie leicht für Dekoration. Tatsächlich sind es Handbücher mit Ortsangaben, Namen und Reihenfolgen. Die Sorgfalt, mit der jede Stunde beschriftet wurde, ergibt nur Sinn, wenn die Angaben als benötigtes Wissen galten.
Zur Vorsicht gehört auch hier ein Hinweis: Die Kompositionen sind über Jahrhunderte gewachsen und in unterschiedlichen Fassungen erhalten. Zahlreiche Passagen sind schwer zu übersetzen; Ausgaben unterscheiden sich, und populäre Darstellungen glätten das gern. Wer genauer nachlesen möchte, sollte zu einer Ausgabe greifen, die Varianten ausweist.
Quellen und Literatur
- Erik Hornung: Die Nachtfahrt der Sonne. Eine altägyptische Beschreibung des Jenseits, Zürich 1991.
- Erik Hornung: Altägyptische Jenseitsbücher. Ein einführender Überblick, Darmstadt 1997.
- Andreas Schweizer: Seelenführer durch den verborgenen Raum, München 1994 (mit Textabbildungen des Amduat).
- Abbildungen: Grab des Roy (TT255) und Grab der Nefertari (QV66), Wikimedia Commons.