Das Totengericht: was bei der Wägung des Herzens geschah

Spruch 125 des Totenbuchs beschreibt keine Vision, sondern ein Verfahren. Es gibt eine Halle, ein Beweismittel, Zeugen, ein Protokoll und ein Urteil.

Blatt aus dem Papyrus des Ani mit der Gerichtsszene und der Götterreihe

Wer in einem Museum vor einem ägyptischen Totenbuch-Papyrus steht, sieht fast immer dieselbe Szene: eine Waage, auf der einen Schale ein kleines Gefäß, auf der anderen eine Feder. Daneben ein Gott mit Schakalskopf, dahinter einer mit Ibiskopf und Schreibgerät, am Rand ein Mischwesen mit Krokodilschnauze. Diese Bildformel ist über tausend Jahre erstaunlich stabil geblieben. Sie gehört zu Spruch 125 des Totenbuchs, und sie schildert eine Gerichtsverhandlung.

Die Halle der beiden Wahrheiten

Der Verstorbene betritt einen Raum, den die Texte „Halle der beiden Ma’at“ nennen. Ma’at ist eines jener ägyptischen Wörter, für die es keine einzelne deutsche Entsprechung gibt: Ordnung, Richtigkeit, Gerechtigkeit, Wahrheit, der Zustand, in dem die Welt funktioniert, wie sie soll. Personifiziert erscheint sie als Göttin mit einer Straußenfeder auf dem Kopf; diese Feder liegt in der Waagschale.

In der Halle sitzen zweiundvierzig Beisitzer. Ihnen gegenüber spricht der Verstorbene das sogenannte negative Sündenbekenntnis: eine lange Reihe von Sätzen der Form „Ich habe nicht …“. Der Katalog ist überraschend konkret und alltäglich. Es geht um Diebstahl, um falsche Gewichte, um das Umleiten von Wasser aus fremden Feldern, um üble Nachrede, um Gewalt gegen Kinder und um das Töten heiliger Tiere. Große Theologie steht nicht darin; es sind die Regeln eines Dorfes und einer Verwaltung.

Was gewogen wird

Auf der Waage liegt nicht die Seele, sondern das Herz — ägyptisch ib. Für die Ägypter war das Herz der Sitz von Denken, Erinnerung und Charakter; das Gehirn galt als weitgehend belanglos und wurde bei der Mumifizierung entfernt, das Herz dagegen blieb im Körper. Gewogen wird also das gesammelte Verhalten eines Lebens gegen das Prinzip der richtigen Ordnung.

Anubis, der Gott der Balsamierung, bedient die Waage und prüft das Lot. Thot, Gott der Schrift, notiert das Ergebnis. Er ist nicht Ankläger, sondern Protokollführer — ein Detail, das viel über die ägyptische Vorstellung von Gericht sagt. Neben der Waage wartet die Ammit, „die Verschlingerin“, zusammengesetzt aus Krokodil, Löwe und Nilpferd. Fällt das Urteil negativ aus, frisst sie das Herz. Das Ergebnis ist keine Strafe auf Zeit und keine Hölle, sondern das Ende der Existenz. Wer besteht, wird „wahr an Stimme“ genannt und dem Osiris vorgeführt, der am Kopfende der Szene thront.

Liegende Anubis-Figur auf einem Schrein, historische Aufnahme aus einem thebanischen Grab
Anubis als liegender Schakal auf einem Schrein — Aufnahme aus einem thebanischen Grab, Edward R. Ayrton.

Das Herz, das schweigen soll

Hier liegt die eigentümlichste Stelle des ganzen Komplexes. Auf zahllosen Mumien findet sich ein Herzskarabäus: ein steinernes Amulett in Käferform, das über der Brust getragen wurde. Eingraviert ist meist Spruch 30B des Totenbuchs, und der richtet sich an das eigene Herz. Sinngemäß: Tritt nicht als Zeuge gegen mich auf, widersprich mir nicht vor dem Gericht, lass nicht zu, dass mein Name in Verruf gerät.

Mein Herz meiner Mutter, mein Herz meines Daseins — stelle dich nicht gegen mich als Zeuge.

Der Verstorbene erklärt also seine Unschuld und trägt gleichzeitig ein Amulett bei sich, das verhindern soll, dass das Herz etwas anderes sagt. Das ist kein Widerspruch aus Nachlässigkeit. Es zeigt, dass das Herz als eigenständige Instanz galt, die mehr wusste als das Bekenntnis zugab, und dass man dem Verfahren durchaus mit Nervosität entgegensah.

Warum die Szene so oft dargestellt wurde

Ein Totenbuch war teuer. Wer es sich leisten konnte, ließ einen Papyrus mit den Sprüchen anfertigen, die ihm besonders wichtig erschienen — Auswahl und Reihenfolge unterscheiden sich von Rolle zu Rolle erheblich. Dass die Gerichtsszene fast nie fehlt, spricht dafür, dass sie als der entscheidende Übergang galt. Alles Weitere im Jenseits setzt voraus, dass man hier bestanden hat.

Zugleich funktionierte das Bild als Zusicherung. Der Papyrus zeigt nicht ein offenes Verfahren, sondern regelmäßig bereits den erfolgreichen Ausgang: die Waage im Gleichgewicht, Thot beim Notieren des positiven Ergebnisses, den Verstorbenen auf dem Weg zu Osiris. Die Darstellung war nicht Dokumentation, sondern Vorwegnahme.

Was gesichert ist und was nicht

Der Text von Spruch 125 ist in vielen Fassungen erhalten und gut ediert. Unsicher bleibt, wie stark die Vorstellung den Alltag prägte: Ob ein Bauer im Delta sein Verhalten am Sündenkatalog ausrichtete, lässt sich aus Grabbeigaben der Oberschicht nicht ableiten. Auch die Frage, ob das Gericht als einmaliges Ereignis oder als täglich wiederholter Vorgang gedacht war, wird unterschiedlich beantwortet. Wer eine eindeutige Antwort liest, sollte prüfen, worauf sie sich stützt.

Quellen und Literatur

  • Erik Hornung: Das Totenbuch der Ägypter, Zürich 1979 (Übersetzung und Kommentar).
  • Jan Assmann: Tod und Jenseits im Alten Ägypten, München 2001.
  • John H. Taylor (Hrsg.): Journey through the Afterlife. Ancient Egyptian Book of the Dead, London 2010.
  • Papyrus des Ani, British Museum EA 10470 — Abbildung nach Wikimedia Commons, gemeinfrei.